Festveranstaltung anlässlich 20 Jahre Wiener Tafeln im Kunsthistorischen Museum

»Verteilen statt vernichten«

Alexander Van der Bellen würdigt im Naturhistorischen Museum die Wiener Tafeln.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Unterstützerinnen und Unterstützer der Wiener Tafel

und des Verbandes der Österreichischen Tafeln!

 

Was wünscht man der Wiener Tafel zum 20er?

Einer karitativen Organisation,  die mit großem Engagement Brücken baut zwischen Überfluss und Mangel, Armut und Verschwendung, Viel-Haben und Nichts-Haben?

Passend wäre vielleicht zu sagen: Ich wünsche mir,  dass die Tafel-Bewegung möglichst bald nicht mehr nötig ist. Ja, genau! Das könnte ich Ihnen heute zum Jubiläum wünschen. Schöne Vorstellung, oder? 

Denken Sie sich die Welt einmal so:

Armut, Not, Mangel, Ungleichheit, Ungerechtigkeit - alles Geschichte. Keine Lebensmittelverschwendung, Umweltzerstörung und Ressourcenvernichtung mehr. Keine Klimakrise...

Nein, an dieser Stelle höre ich lieber auf, denn seien wir ehrlich:

Das ist kein guter Jubiläumswunsch. Solche Ideen sind derzeit nur ein schöner Traum. Die Wirklichkeit ist eine ganz andere.

Ich habe mir beim Herfahren gedacht: Haben wir eigentlich eine Ahnung, wie viele Menschen über ihren Tellerrand hinausschauen, wenn sie zu Hause oder im Restaurant an ihren Tischen sitzen?

Die genauer überlegen, was sie tun und wie sie leben. Die sich fragen, wieviel sie heute gekauft haben, und morgen vielleicht wieder wegwerfen.

Wie viele Menschen wissen, dass es auch bei uns Bedürftigkeit und Armut gibt, und ungefüllte Mägen.

Über diese Gedanken der Österreicherinnen und Österreicher gibt keine Statistik Auskunft.

Hoffentlich sind es viele Menschen. Und hoffentlich werden es täglich mehr.

Das ist eigentlich mein Wunsch für heute Abend. Dass immer mehr Menschen  über den eigenen kleinen Tellerrand hinausschauen. „To see the bigger picture“  wie es im Englischen so treffend heißt.

Es geht um die großen Zusammenhänge im Kleinen.

Natürlich sind wir uns alle hier bewußt, dass wir zu jener Minderheit auf unserem Planeten gehören,  die täglich Zugang hat zu ausreichender Ernährung, zu sauberem Wasser, (halbwegs) reiner Luft und anderen Selbstverständlichkeiten und Bequemlichkeiten. Natürlich wissen wir auch Bescheid (jedenfalls insgeheim),  dass unser Verhalten negative Folgen hat.

Ganz besonders auch auf unser Klima. Sichtbar und spürbar. Unser Lebensstil ist unvernünftig. Ein wichtiges Stichwort dazu:  Wegwerfmentalität.

Auch bei uns landen Lebensmittel und Lebensmittelreste tonnenweise jedes Jahr im Müll. Auf der anderen Seite  gibt es in unserem Sozialstaat vermehrt Menschen, die Lebensmittel brauchen und sie sich nicht leisten können. Aus einer akuten Not heraus,  oder aus anderen Gründen.

Diese Schieflage auszugleichen – darum bemühen sich die Tafeln.

 

Sie als ehrenamtliche Helferinnen und Helfer bringen Nahrungsmittel (Obst, Gemüse, Milchprodukte) von jenen, die sie nicht mehr wollen, zu jenen, die sie dringend brauchen.

 

Verteilen statt vernichten.

 

Ein sinnvoller, wichtiger und dankenswerter Sozialtransfer.

 

Die Wiener Tafel-Bilanz ist ja beeindruckend: Mehr als 50 Freiwillige pro Tag retten 20 Tonnen Lebensmittel pro Woche. 200 Unternehmen überlassen der Wiener Tafel ihre überzähligen Lebensmittel, statt sie einfach zu entsorgen.  19.000 Menschen in Armut bekommen Unterstützung durch frische und gesunde Lebensmittel pro Woche in 100 Sozaileinrichtungen. Auch ein Netzwerk wurde inzwischen gegründet. Der Verband der Österreichischen Tafeln  feiert heute bereits sein 5-jähriges Bestehen.

Herzliche Gratulation!

Vielleicht sagt jetzt der Pessimist in uns: „Angesichts der vielen globalen Probleme ist das alles ja nur ein Tropfen auf dem heißen Stein!“  So kann man es sehen. Aber Pessimismus hat noch nie ein Problem gelöst.

Die Wiener Tafel und der Verband der Österreichischen Tafeln haben in den vergangenen Jahren eines bewiesen: Viele Tropfen gemeinsam (um bei dieser Metapher zu bleiben) kühlen irgendwann selbst den größten und heißesten Stein.

Anders gesagt: Kluge Konzepte, Professionalität, Bewusstseinsbildung, und vor allem das gemeinsame Engagement vieler verantwortungsbewusster Menschen:

Das sind genau jene Tropfen, auf die es ankommt, um eine gute Zukunft zu gestalten.

 

Ich sage einfach: Danke und machen Sie weiter.

 

Damit alle Platz an der Tafel finden. Damit alle genug haben für ein gutes Leben.

Danke.

20 Jahre Wiener Tafeln 9. September 2019

Fotos: Peter Lechner/HBF