Festrede von Maja Haderlap - Im langen Atem der Geschichte

Festrede von Maja Haderlap - Im langen Atem der Geschichte

»Demokratie ist eine Organisation des Rechts, der Teilhabe an gesellschaftlichen und politischen Prozessen. Sie lebt vom Ausgleich, vom Disput, dem Argument, der Korrektur, der Freiheit des Einzelnen.«

Im langen Atem der Geschichte - Rede zum Download

Dem Orkan voraus fliegt die Sonne nach Westen, zweitausend Jahre sind um, und uns wird nichts bleiben, schreibt Ingeborg Bachmann im Gedicht „Große Landschaft bei Wien“, in dem sie den langen Atem der Geschichte über die Stadt wehen lässt.
Hundert Jahre dauern, gemessen am langen Atem der Geschichte, gerade lang genug, um die Fähigkeit auszubilden, sich zu erinnern, um in Gedanken Zeit- und Ortsschwellen zu überschreiten.

Staatsjubiläen fordern uns geradezu heraus, innezuhalten und im Blick zurück in die Zukunft zu schauen.

Es ist ein befreiender, festlicher, aber auch peinigender Moment, in dem sich beispielhafte Errungenschaften, Erfolge, aber auch politische Verirrungen offenbaren.
Wie aber wird kollektive Geschichte sichtbar, anschaulich, wenn es schier unüberschaubare Geschichten von Menschen gibt?


Der lange Atem der Geschichte zieht vornehmlich und spürbar durch Familienerinnerungen. Hundert Jahre umfassen kaum drei Generationen, die sich erfahrungsgemäß körperlich nahekommen und eine gewisse Zeit ihres Lebens miteinander verbringen, die Geschichte von Hand zu Hand oder von Mund zu Mund weitergeben.


Mein Generationengedächtnis setzt mit dem Zerfall der kaiserlich-königlichen Monarchie und der Entstehung der Republik Österreich ein. Mein Großvater nahm als achtzehnjähriger junger Mann an der letzten Isonzo Offensive im Oktober 1917 teil und wurde als Soldat der kaiserlich-königlichen Armee am Piave verwundet. Als er genas und endlich nach Hause gehen konnte, wurde die Republik ausgerufen. Meine Großmutter behauptete drei Kriege überlebt zu haben, den Ersten Weltkrieg, den Kärntner Abwehrkampf und den Zweiten Weltkrieg. Ihre zarte Gestalt, in der die Erinnerungen an ihre wechselvolle Geschichte und an das Konzentrationslager Ravensbrück nachwirkten, bewegt sich für das Auge unsichtbar, aber doch anwesend, in meinen Gedanken und Empfindungen.


Sobald wir den Blick von unserem Herkommen abwenden und das Allgemeine in Betracht ziehen, erscheint uns die Historie flüchtig, ja geradezu ungreifbar. Eine Ansammlung von Spuren, Überresten, als Menetekel an der Wand, als opakes, kulturelles, materielles Gemenge, das wir mit unseren Gedanken kaum durchdringen können. In Glücksmomenten glauben wir in der Tiefe der historischen Zeit etwas durchschimmern zu sehen, Fragen zum Beispiel, die brennen und uns betreffen, als würden sie gerade erst zur Sprache gebracht.


Man hat mich eingeladen, bei diesem Staatsakt eine Rede zu halten. Eine erstaunliche, kühne Einladung, die mich ehrt, die mich aber auch in einen unerbittlichen Kreislauf aus Zweifeln geschleudert hat. Lange Zeit war ich damit beschäftigt zu überlegen, aus welcher Position ich überhaupt reden könnte. Weder kann ich im Namen einer Partei noch im Namen einer Institution oder Gruppe sprechen. Allenfalls als Individuum, mit eigener Lebensgeschichte, als Dichterin, Kärntner Slowenin, Österreicherin, die eine Beziehung zur Republik Österreich hat. Eine Beziehung zu haben, bedeutet nicht nur, durch staatliche Bildungsinstitutionen gegangen zu sein oder Steuern zu zahlen, es besagt auch, sich einzumischen, zu engagieren und an politischen Orientierungsprozessen teilzunehmen. In dieser Beziehung geht es nicht um Vorteile oder Sicherheiten, es geht in Wahrheit um Fragen der Identität, um das, was wir sind und sein wollen.


Identität, wie ich sie sehe, ist ein Prozess, kein abgeschlossener Zustand, keine feste, unabänderliche Größe. Sie beginnt und endet nicht im Jetzt, sondern ist aus Herkommen, aus Sprache, aus Vererbtem, Gelerntem, Gelebtem und Erfahrenem, aus Arbeit, Leid, Glaube, Liebe, Hoffnung, aus Vergessen und Erinnern, aus Ängsten und Sehnsüchten zusammengestellt, aus dem, was wir waren, was wir sind und was wir werden wollen. Sobald sich Identität verhärtet, eingrenzt oder von außen diktiert wird, verwandelt sie sich in ein Schlagwort, zum Vorwurf oder zur Maske. Identität orientiert sich an Bindungen und Bindungen können lebensbejahend oder zerstörerisch sein. Auch staatliche Gebilde sind den Prozessen der Identitätsfindung und der Veränderung unterworfen. In diesen Zusammenhängen bewegt sich das Verhältnis der Einzelnen zum Staat.


Das entscheidende Kriterium steht am Beginn dieser ungewöhnlichen Beziehung. Es ist das Kriterium der Demokratie. Demokratie ist eine Organisation des Rechts, der Teilhabe an gesellschaftlichen und politischen Prozessen. Sie lebt vom Ausgleich, vom Disput, dem Argument, der Korrektur, der Freiheit des Einzelnen. Der autoritäre Staat dagegen schikaniert den Schwächeren, den Anderen, unterbindet die Möglichkeit des Widerspruchs, des freien Willens, der politischen Teilhabe, der Machtkontrolle, der Veränderung.Demokratie ist, um in familiären Bezügen zu bleiben, das Antimodell zur autoritären Familie, an deren Spitze meist ein Patriarch waltet, der über Gedeih und Verderb der Familienmitglieder entscheidet.
Im politischen Feld zwischen Krieg und Frieden, zwischen Repression und sozialem, kulturellem Aufbruch, zwischen Rezession und einem langen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Fortschritt bewegt sich die Geschichte der Republik Österreich.


Die Erste Republik Österreich erstand als demokratischer Entwurf nach dem Zusammenbruch einer alten monarchischen Ordnung. Die aufstrebenden politischen Kräfte wollten das Trauma des Zusammenbruchs und des Krieges in einen Traum von Fortschritt verwandeln. Aber der Verlust des Althergebrachten, gepaart mit einer dramatischen wirtschaftlichen Krise, wog zu schwer. Die junge parlamentarische Demokratie musste sich gegen ein Schattenreich aus Ängsten und autoritären Traditionen behaupten. In der Erinnerung der Generationen ist die Erste Republik als Epoche des Zwists nach dem Verlust des mächtigen Vaters abgespeichert. Schon im 19. Jahrhundert, im Zuge der Industrialisierung und der verstärkten Mobilität sahen sich die Menschen aus ihren angestammten Lebenszusammenhängen gerissen. Nach dem zerstörerischen Krieg dürfte das Gefühl der Verlassenheit überwogen haben. Was aus dieser Zeit, wie ich glaube, bis heute nachklingt oder nachwirkt, ist neben der Gegenwart mannigfacher kulturhistorischer Denkmäler und Monumente ein melancholischer Grundton des Heimatverlusts. Diese Verlustempfindung hat die österreichische Volkskultur geprägt. Das Verlorene wird, nicht nur in den ländlichen Regionen Österreichs, in vielleicht so nie gesehener Schönheit idealisiert. Es ist das Bild der vergangenen Idylle, das beharrlich hochgehalten wird, wenngleich darunter alle Verletzungen und Demütigungen verborgen bleiben.


Den Untergang der alten Welt konnten das allgemeine Wahlrecht, das auch die Frauen zum ersten Mal einschloss, der Kampf um eine gerechte Entlohnung, die Einführung des Achtstundentages, die sozialdemokratische Bewegung kaum aufwiegen. Das Alte wirkte nach, im Anwachsen des Antisemitismus, in der Sehnsucht nach dem starken Mann und im Aufbrechen der nationalen Frage. Zuerst versuchte die Erste Republik, alle vielsprachigen kulturellen Bezüge zu den ehemaligen Kronländern zu unterbinden. Die Forderung, ihre Sprache und Kultur aufzugeben, bekamen vor allem die Kärntner Slowenen zu spüren. Rückblickend könnte man sagen, dass die meisten Österreicher in der Ersten Republik nichts lieber wollten, als Deutsche zu werden. Doch der Preis für diese Bestrebungen war hoch. Rasch taumelte die österreichische Demokratie in einen autoritären Staat, in den Bürgerkrieg und letztlich in die Nazidiktatur. Die Restbestände einer vielsprachigen, multireligiösen, demokratischen Wirklichkeit wurden spätestens nach dem Anschluss an Hitlerdeutschland mit Terror, Gewalt und Krieg nahezu zur Gänze zerstört. Man sagt, dass Österreich für Jahre von der Landkarte verschwunden sei, aber die Österreicher sind auf allen Seiten der Kriegsfront dabei gewesen, auch beim apokalyptischen Morden im besetzten Osten Europas.


Die Frage, wie konnte es dazu kommen, erfüllt uns noch heute mit Grauen.


Wenn wir uns vor Augen führen, wer in der Nazizeit für Österreich gekämpft hat, stellen wir fest, dass es Einzelne gewesen sind. Der Widerstand, der die Wiedererrichtung eines freien Österreichs erst ermöglichte, handelte zwar organisiert und in Gruppen, war aber in den meisten Fällen individuell. Diese Tatsache wirft ein besonderes Licht auf die Tragweite und Bedeutung des ethisch handelnden Individuums. Der österreichische Widerstand wurde von Menschen getragen, die in der Zeit der durchorganisierten Gewalt, der totalen Propaganda ihre humanen Haltungen nicht über Bord geworfen hatten. Er ist ein Konglomerat aus nahezu alltäglichen, helfenden, mutigen Gesten, die sich dem Vernichtungswillen und der organisierten Böswilligkeit gegen Menschen widersetzten. Die Demokratie, wie wir sie kennen, ist uns nicht nur dank dieser Zivilcourage und aufgrund der vielen Opfer, die das Naziregime gefordert hatte, geschenkt worden. Wir haben sie auch politischen Glücksfällen und dem Verhandlungsgeschick Einzelner zu verdanken.


Ich möchte an dieser Stelle an einen Verlust erinnern, der bei offiziellen Anlässen oft übergangen wird, an den Verlust einer Generation von österreichischen Schriftstellern und Schriftstellerinnen, Künstlern und Künstlerinnen, die in der Nazizeit vertrieben, um ihre Existenz gebracht, in den Selbstmord getrieben oder umgebracht wurden. Ihre Arbeiten werfen noch heute etwas von ihrem Glanz auf das Land, das sie nicht haben wollte. In ihrer Literatur verdichtet sich Geschichte, werden Bilder und Sehnsüchte aus der Welt von gestern bewahrt, die der heutigen so nahe und doch so fern ist.


Ich glaube, wir müssen der tiefen Erschütterung aller Überlebenden nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs vertrauen, die im Satz Nie wieder zusammengefasst wurde. Wenn wir das nicht tun, sind wir verurteilt, politische Fehler zu wiederholen. Aus dieser inneren Gewissheit der Überlebenden wurde die Charta der Menschenrechte formuliert und die Idee eines gemeinsamen Europas geboren. Diese Errungenschaften stehen wegweisend für die Zukunft vor uns, als Versprechen und als Auftrag.

Den Erfolg der Zweiten Republik Österreich begründeten der Staatsvertrag, die Neutralität, der wirtschaftliche Aufschwung und die zurzeit vielgeschmähte Sozialpartnerschaft. Die Österreicherinnen und Österreicher entwickelten die Identität, von der wir heute ausgehen, wenn wir Österreich meinen. In unsere Zeit fallen entscheidende bildungspolitische, rechtliche, strukturelle und institutionelle Modernisierungen, die das ganze Land erfassten und bei allen Bürgerinnen und Bürgern ankamen. Wir hatten das Glück, eine sozialstaatlich organisierte Marktwirtschaft, einen gezähmten Kapitalismus erlebt zu haben, der der Bevölkerung die Teilhabe an seinen Erfolgen ermöglichte. Die rechtliche Gleichstellung und Emanzipation der Frauen brach das Jahrtausende währende Machtvorrecht der Männer auf. Nur die Umsetzung der Gleichberechtigung im täglichen Leben kam und kommt stockend voran. Auch mit der Umsetzung der im Staatsvertrag verankerten Rechte der österreichischen Volksgruppen hatte die Republik ihre Probleme. Das hatte nicht zuletzt mit dem Fortwirken deutschnationalistischer Traditionen zu tun, mit denen sie sich nicht konfrontieren wollte.


Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die Künstlerinnen und Künstler haben nach dem Verlust ihrer Vorgänger dem Bild des Landes, das sich unablässig in die Idylle, in das Vergessen flüchten wollte, mit Hartnäckigkeit und sanfter Gewalt, wie Peter Handke einmal formulierte, widersprochen. Sie haben mit ihrer Arbeit, die oft auf Unverständnis gestoßen war, mitgeholfen, das selbstkritische Gleichgewicht Österreichs zu wahren.


Mit dem Beitritt zur Europäischen Union haben wir nahezu traumwandlerisch eine wegweisende Entscheidung getroffen und fürchten uns immer noch vor unserem Mut. Die Globalisierung der Märkte, verbunden mit der fortschreitenden Digitalisierung, der Kampf gegen die Zerstörung und Vermüllung unseres Planeten verlangen nach internationaler politischer Zusammenarbeit.

Im Zuge der Eingliederung in ein mehrsprachiges Europa fand auch Österreich zu seinen vielsprachigen Wurzeln und erkannte sie als Teil des eigenen Wesens.


Allerdings kommt seit unserem Beitritt zur Europäischen Union der politische Boden, auf dem wir stehen, nicht zur Ruhe. Wir spüren, dass wir in einen Prozess des Wandels eingetreten sind, der einem langsam anschwellenden Orkan gleicht. Noch hatten wir wenig Zeit, um uns an die erweiterten politischen Entscheidungsmöglichkeiten in Europa zu gewöhnen, wenn wir auch mit Genugtuung feststellen, dass das politische Europa an Gestalt gewinnt.

Gerade haben wir uns an den Errungenschaften des Wohlfahrtsstaates aufgerichtet, schon wird uns erklärt, dass wir endlich erwachsen werden und für uns selbst sorgen sollen. Wer grollt im Hintergrund des Staates, der alte, übermächtige Vater oder eine andere Macht, mit unsichtbaren, ordnenden Händen und einem unsichtbaren Gesicht? Was verbirgt sich hinter dem Bestreben, den Staat als Unternehmen zu führen? Etwa die Idee, dass Staaten von ihrer Funktion als Gemeinschaftsorganisationen abgetrennt und auf den freien Markt geworfen werden? Dass Staaten in Konkurrenz zueinander treten, sich auf dem Staatenmarkt behaupten müssten wie im Supermarkt, in dem man mit Schnäppchen, Schönheit, Gesundheit, Frische und billigem, willigem Humankapital um globale Investoren wirbt? Das setzt ein transformiertes Verständnis von Politik voraus, die sich nach den Kriterien des Wettbewerbs organisiert und nach Regeln der allseitigen Auslese handelt. Die Sieger und Unterlegene produziert und das gesellschaftliche Handeln dem Kampfmodus der globalen Ökonomie unterwirft. Eine Politik, die aus den Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern optimierte Menschen für den Wettkampf machen möchte und alles, was wir tun, benotet, wiegt und bewertet. Mit Algorithmen natürlich, denn unsichtbare Algorithmen wiegen schwerer als Argumente, schwerer als ein konkreter Mensch mit einer konkreten Geschichte.


Ein beträchtlicher Teil der um sich greifenden Verunsicherung wurzelt in der Befürchtung, dass man als fehleranfälliger, kranker, alter, für die Ökonomie unproduktiver Mensch aus der öffentlichen Wahrnehmung und Obsorge entfernt werden könnte. Auch wenn europaweit nationalistische Parteien meinen, den verunsicherten Bürgerinnen und Bürgern als Ersatz für den zerrütteten Gemeinsinn die nationale Zugehörigkeit als Domizil anbieten zu können, die Krise reicht tiefer. Sie ist weniger fassbar, aber doch fundamentaler als der Umbruch am Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie zerstört das Gefühl von Zugehörigkeit und Verantwortung, sie verändert das aufgeklärte Menschenbild, sie greift in das genetische Potenzial des Menschen als Beziehungswesen ein, damit er endlich zum ökonomischen Menschen werde, der nach den Kriterien des eigenen Vorteils handelt. Nicht zuletzt könnte die neue Ökonomie nahezu ohne Menschen und ohne Staaten auskommen.

Der lange Atem der Geschichte ist dünn und kaum vernehmbar geworden.

Wir hören nicht hin, weil wir der Sprache misstrauen. Vor allem der politischen Sprache, die sich für die Medien herausputzt wie eine Bonboniere. Die Botschaften, die an uns verteilt werden, sind in glänzendes Papier verpackt, aber die Füllung unter der Schokoladeschicht könnte bitter schmecken. Wir wissen es nicht und haben keine Zeit, dorthin zu schauen, wo Sprache und Politik hinzielen, zu den Betroffenen, die gemeint sind und die getroffen werden. Wir haben genug damit zu tun, andere schön verpackte Glückskekse zu öffnen, die sich letztlich als billige Attrappen entpuppen. Wir bemühen uns, der Überredungskunst der Motivationssprache Stand zu halten, die nahezu aus allen Kanälen auf uns niedergeht wie Konfetti. Dafür lassen wir in den sozialen Medien Dampf ab und zeigen, dass wir die Zeichen der Zeit verstanden haben. Wir beherrschen die hohe Kunst der Beleidigung, der Demütigung, der Herablassung, der Täuschung, wir haben die Regeln des Kampfes verinnerlicht und werden persönlich, wenn man uns kritisiert. Es geht uns gut, aber die Zeichen der Zeit stehen auf Sturm.


Unsere Staaten werden durch digitale Konzerne vor neue, gewaltige Herausforderungen gestellt. Die digitalen Riesen haben uns mit ihren Technologien bereichert, aber auch eine bislang kaum vorstellbare Machtebene in unser Leben eingezogen, die wir nicht kontrollieren und kaum gestalten können. Wir hängen mit unseren Suchbewegungen in den Schlingen, die sie uns ins Netz gelegt haben, und sind dabei, die Kontrolle über unsere Handlungen zu verlieren. Wenn wir unter Zeitdruck zulassen, dass unser Leben und unsere Körper bis zur letzten Faser ökonomisiert werden, wenn wir uns einverstanden erklären, aus unseren Sehnsüchten, Gefühlen und Phantasien einen messbaren Wert, eine Handelsware zu machen, haben wir die Vorstellung von uns als ethisch handelnde, soziale Individuen endgültig aufgegeben.

Das ethisch handelnde Individuum aber ist der Kern, der Angelpunkt jeder Demokratie.


Demokratie ist nicht zuletzt auch die einzige Herrschaftsform, die den Anderen und die Minderheiten mit einbezieht, und wäre als einzige Ordnung imstande, Menschen, die aus anderen Ländern und Traditionen, aus unterschiedlichen Motiven zu uns kommen, einzubinden und zwar als Mitverantwortliche für das Gemeinwesen und die Werte der Demokratie. Nur eine Bindung an das Land und seine demokratischen Werte könnte die vielfältigen Parallelgesellschaften aufbrechen und allen Beteiligten helfen, Konflikte auszutragen und auszuhalten.


Im Hinblick auf flüchtende Menschen, für die das Mittelmeer zur Todeszone geworden ist, im Hinblick auf die Zerstörung unserer Umwelt, angesichts totalitärer Machtphantasien, die durch die technische Entwicklung an Durchsetzungskraft gewinnen, werden die Fragen der Zukunft humaner und ökologischer Natur sein. Wir werden die Menschenrechte und den Frieden gegen das zerstörerische Potenzial der allseitigen Mobilisierung verteidigen müssen. Wir werden uns aus der Enge des Augenblicks, den wir mithilfe der Technik zu einer Ewigkeit aufblasen möchten, lösen, und in die reale Zeit treten. Mit dem scharfen Gehör für den Fall, nach Ingeborg Bachmanns Gedicht, werden wir entzaubert durch Analysen und Zahlen zu unserer wahren, verletzbaren Gestalt kommen.


Der österreichische Maler Oskar Kokoschka hat die Notwendigkeit einer Demokratie mit dem Satz umschrieben: Demokratie muss so sicher führen wie Instinkt. Diesen Instinkt für Demokratie im geeinten Europa wünsche ich uns und der immer noch jungen Republik Österreich zum Geburtstag.

Staatsakt anlässlich der 100. Wiederkehr der Gründung der Republik Österreich

Fotos: Carina Karlovits und Peter Lechner/HBF

Maja Haderlap: The persistent winds of history - English Version Download

The sun sails ahead of the hurricane in the west, two thousand years gone, and nothing of us will remain, writes Ingeborg Bachmann in her poem “Great Landscape Near Vienna”, in which she lets the persistent winds of history blow over the city.

One hundred years is just long enough, measured against the persistent winds of history, to develop the skill of remembering, of overcoming the mind’s thresholds of time and place.

Anniversary commemorations by the state certainly challenge us to pause for a moment and look back into the future.

It is a liberating, solemn but also distressing moment, during which exemplary achievements and successes, as well as political aberrations, reveal themselves.

But how can collective history be made visible, clear, given the sheer number of people and their histories?

The persistent winds of history primarily and most noticeably blow through family memories. One hundred years covers barely three generations, who, as experience shows, physically come together and spend a certain part of their lives together, passing their history from hand to hand or from mouth to mouth.

My generational memory begins with the collapse of the imperial-royal monarchy and the creation of the Republic of Austria. My grandfather was a young man of 18 when he served in the last Isonzo offensive in October 1917 and was wounded on the Piave River as a soldier of the imperial-royal army. After he recovered and could finally come home, the Republic was declared. My grandmother always claimed she had survived three wars: the First World War, the Carinthian armed resistance struggle and the Second World War. Her delicate form, on which the memories of her tumultuous history and the Ravensbrück concentration camp had a lingering effect, may be invisible to the eye, but it is still present in my thoughts and feelings.

As soon as we turn our gaze from our origins and consider things generally, history appears fleeting, virtually ungraspable. A collection of clues, of relics, as writing on the wall, as an opaque cultural and material mixture that we can hardly penetrate with our thoughts. During moments of happiness we believe we are able to see something glimmering through the depths of historic time, questions for example, that burn and concern us as if they had only just been broached.

I was invited to give a speech on this state occasion. An astonishing, audacious invitation that honours me but also impelled me into an unrelenting cycle of doubts. I spent a long time considering what position I could even give my speech from. I can’t speak on behalf of a party or on behalf of an institution or group. At most as an individual with my own life story, as a poet, a Carinthian Slovene, an Austrian who has a relationship with the Republic of Austria. Having a relationship not only means having passed through state educational institutions or paying taxes, it also means getting actively involved, being committed and participating in political orientation processes. This relationship is not a matter of advantages or certainties; in truth, it is about questions of identity, about what we are and what we want to be.

As I see it, identity is a process, not a completed state, not a fixed, unchangeable constant. It does not start and stop in the now and instead is made up of origin, of language, of what has been inherited, learned, lived, and experienced, of work, suffering, belief, love, hope, of forgetting and remembering, of fears and longings, of what we were, what we are, and what we want to become. As soon as identity solidifies or is curtailed or dictated from the outside, it transforms into a slogan, an accusation or a mask. Identity is determined by bonds, and bonds can be life-affirming or destructive. State entities are also subject to processes of forging an identity and of change. The relationship between the individual and the state moves within those contexts.

The decisive criterion is to be found at the beginning of this unusual relationship. It is the criterion of democracy. Democracy is an organisation of law, of participation in societal and political processes. It runs on the balancing of interests, on dispute, on argument, on correction, on freedom of the individual. In contrast, the authoritarian state bullies the weak, the Other, prohibits any possibility of contradiction, free will, political involvement, control of power, change. Democracy is – to put it in familiar terms – the antithesis of the authoritarian family, usually headed by a patriarch, with family members at the mercy of his decisions.

The history of the Republic of Austria moves in the political field between war and peace, between repression and societal and cultural awakening, between recession and prolonged economic and social progress.

The First Republic of Austria was created as a democratic project following the collapse of an old monarchical order. The rising political forces wanted to transform the trauma of the collapse and the war into a dream of progress. But the loss of the old traditions, combined with a dramatic economic crisis, was too heavy a burden. The young parliamentary democracy had to defend itself against a shadow empire of fears and authoritarian traditions. The First Republic is stored in the memories of the generations as an era of discord following the loss of the powerful father. Back in the 19th century, in the wake of industralisation and increased mobility, people had seen themselves being torn from their accustomed ways of living. Following the destructive war, the sense of abandonment must have been overwhelming. What still echoes or lingers from this period, in my view, is – in addition to the presence of so many cultural and historical memorials and monuments – a prevailing sense of loss of the homeland. This feeling of loss shaped Austrian popular culture. What was lost is idealised – not just in the rural parts of Austria – into a beauty that has perhaps never been seen. It is the image of the idyllic past that is being doggedly held up, even though all of the injuries and humiliations remain hidden beneath it.

The demise of the old world could hardly be counterbalanced by universal suffrage, which included women for the first time, the struggle for fair pay, the introduction of the eight-hour workday or the Social Democratic movement. The old ways continued to have their effect, in the resurgence of antisemitism, in the yearning for a strong man and in the upwelling of the national question. The First Republic initially attempted to suppress all multilingual cultural references to the former crown lands. The Carinthian Slovenes were most affected by the requirement to renounce their language and culture. In retrospect, one might say that the majority of Austrians of the First Republic wanted nothing better than to become German. But there was a high price to be paid for those aspirations. The Austrian democracy quickly toppled over into an authoritarian state, into civil war and ultimately into Nazi dictatorship. The relics of a multilingual, multi-religious, democratic reality had been almost entirely destroyed by terror, violence and war by the time that followed the Anschluss, the annexation to Hitler’s Germany. It is said that Austria disappeared from the map for years, but Austrians were to be found on all sides of the front, including the apocalyptic murders in the occupied eastern part of Europe.

The question of how this could happen still fills us with horror today.

When we recall who fought for Austria during the Nazi era, we find it was individuals. The resistance, which was what even made it possible to recreate a free Austria, was organised and acted in groups, but it was individual in most cases. That fact casts a special light on the impact and importance of individuals who act ethically. The Austrian resistance was carried out by people who, at a time of tightly organised power and total propaganda, did not throw their humane attitudes overboard. It is a conglomeration of almost commonplace, helping, courageous gestures that defied the will to annihilate and the organised malevolence against people. We have been given democracy as we know it not only thanks to this civil courage and in view of the many victims of the Nazi regime. We also owe it to strokes of political luck and to the negotiating skills of certain individuals.

At this juncture I would like to recall a loss that often remains unmentioned on official occasions, the loss of a generation of Austrian writers and artists who during the Nazi era were exiled or deported, deprived of their livelihoods, driven to suicide, or killed. Their works are still casting some of their brilliance on the country that didn’t want them. In their literature, history is condensed and images and yearnings from the world of yesterday – so near and yet so far from the world of today – are preserved.

I believe we must trust the profound shock of all of the survivors of the catastrophe of the Second World War, as expressed by the phrase Never again. If we fail to do this, we will be condemned to repeat political mistakes. Based on this inner certainty of the survivors, the Charter of Human Rights was formulated and the idea of a common Europe was born. Those achievements stand before us, pointing to the future, as a promise and as a mission.

The success of the Second Republic of Austria is founded on the State Treaty, neutrality, economic prosperity and the currently much-maligned social partnership of workers’ and employers’ organizations and the government. The Austrians developed the identity we assume today when we think of Austria. In our time, there has been major modernisation of educational policy and legal systems as well as structural and institutional modernisation, all of which included the entire country and affected every single citizen. We were lucky enough to have experienced a market economy organised as a welfare state, tamed capitalism, which allowed the people to participate in its successes. The equal status and emancipation of women broke up the power and prerogatives of men, thousands of years in the making. Progress in gaining respect for equal rights in everyday life was and still is halting, however. The Republic also had some problems with implementing the rights of Austrian ethnic groups as enshrined in the State Treaty. This was related, not least, to the continued effects of the traditions of German nationalism, which they did not want to face up to.

The writers, the artists, after having lost their predecessors, opposed the image of the country –  which relentlessly wished to escape into the idyll, into forgetting –  with persistence and gentle force, as Peter Handke once put it. With their work, which was often met with a lack of understanding, they helped safeguard Austria’s self-critical equilibrium.

When we acceded to the European Union, we took a ground­-breaking decision almost as if in a trance, and we’re still afraid of our own courage. The globalisation of markets, associated with the spread of digitalisation, the fight against the destruction and littering of our planet – all of these require international political cooperation.

After Austria integrated into a multilingual Europe, our country, too, came to terms with its polyglot roots and recognised them as part of its own being.

However, the political ground on which we stand has not calmed down since we acceded to the European Union. We sense that we have entered a process of change similar to a slowly growing hurricane. We have still had little time to get used to the expanded possibilities for political decision-making in Europe, although we have also observed with satisfaction that the political Europe is taking shape.

Just as we have managed to pull ourselves up based on the achievements of the welfare state, we are being told we must finally be adults and take care of ourselves. Who is grumbling in the background of the state, the old, all-powerful father or another power, with invisible hands pulling strings and an invisible face? What is hidden behind the aspiration of running the state like a company? Is it the idea of separating states from their function as community organisations and pushing them onto the free market? That states are competing with each other and have to hold their ground on the state market just as a supermarket does, using bargains, beauty, health, freshness and cheap, willing human capital to attract global investors? This presupposes a transformed understanding of policies, implying that they are to be organised according to the criteria of competition and follow the rules of selection of the fittest. Which produce victors and the vanquished and subject societal action to the battle mode of the global economy. Policies that want to turn citizens into people optimised for competition, rating, weighing and evaluating everything we do. Using algorithms of course, because invisible algorithms outweigh arguments and count more than a real person with a real history.

A considerable portion of the pervasive feeling of insecurity is rooted in the fear of being removed from the public eye and from the support system due to being an error-prone, sick, old person who is unproductive for the economy. Even if nationalistic parties all over Europe think they can offer national identity as a home to replace the broken sense of public spirit for citizens who feel insecure, the crisis is much more profound than that. It is less tangible but more fundamental than the upheaval in the early 20th century. It is destroying the feeling of belonging and responsibility, it is changing the enlightened view of humanity, it is interfering with the genetic potential of people as social animals so that they ultimately become economic humans who act according to the criterion of maximising their own self-interest. Of course, the new economy might work with hardly any people or states.

The persistent winds of history have become thin and barely perceptible.

We don’t listen because we distrust the language. Particularly the political language, which is dressed up for the media like a box of chocolates. The messages being distributed to us are wrapped in shiny paper, but the filling covered by the chocolate may taste bitter. We don’t know and we have no time to look to where language and policy are focused, to the affected people, who are intended and affected. We have enough to do as we open other beautifully packaged fortune cookies, which are ultimately revealed to be cheap fakes. We do our best to resist the art of persuasion used in motivational language, which rains down on us like confetti from almost every channel. In return, we let off steam on social media, showing that we have understood the signs of the times. We master the high art of insult, humiliation, put-downs, deception; we have internalised the rules of battle and get personal when someone criticises us. We’re fine, but the signs of the times point to stormy weather.

The big tech companies are facing our states with serious new challenges. The digital giants have enriched us with their technologies, but a level of power that was previously almost unimaginable – which we can’t control and can hardly influence – has also come into our lives. By searching, we get caught up in the snares they have laid for us on the Net as we lose control over our actions. Once we come under time pressure and allow the last fibres of our lives and bodies to be monetised, once we agree to turn our desires, feelings and imaginations into a measurable value, a commercial product, we will have definitively given up our idea of ourselves as social individuals who act ethically.

But the individual who acts ethically is the heart, the linchpin of every democracy.

Democracy is also the only form of rule that includes the Other and minorities and therefore the only system that is able to integrate the people who are coming here from other countries and traditions, for different reasons, as people who are jointly responsible for the common good and the values of democracy. Only a bond to the country and its democratic values can break up the many parallel societies and help everyone concerned resolve and endure conflict.

With regard to the people who are fleeing, for whom the Mediterranean has become a death zone, with regard to the destruction of our environment, in view of the fantasies of totalitarian power that are becoming more assertive as a result of technical development, the questions of the future will be of a humane and ecological nature. We will have to defend human rights and peace against the destructive potential of general mobilisation. We will release ourselves from the restrictions of the moment that we would like to inflate into eternity with the help of technology, and enter into real time. With an ear sharply tuned for the fall, according to Ingeborg Bachmann’s poem, after the disenchantment caused by analyses and data, we will arrive at our true, vulnerable Gestalt.

The Austrian painter Oskar Kokoschka described the necessity of democracy with this sentence: Democracy must lead as confidently as instinct. That instinct for democracy in a united Europe is my birthday wish for us and for the still-young Republic of Austria.

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Translator’s note: “Great Landscape Near Vienna” from Songs in Flight: The Collected Poems of Ingeborg Bachmann. Translation © 1994 by Peter Filkins.