Rede am Fest der Freude

Rede zum »Fest der Freude«

»Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, lassen sich nur mit neuem Denken und vor allem nur gemeinsam lösen.«

Sehr geehrte Ehren- und Festgäste!

Meine Damen und Herren!

 

Das Gute hat gewonnen.

Heute ist ein Tag der Freude.

Wir erinnern uns in Dankbarkeit an die Befreiung Österreichs vom nationalsozialistischen Terrorregime. Die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht erfolgte am 7. Mai 1945. Sie trat am 8. Mai um 23.01 Uhr in Kraft. Die Macht einer menschenverachtenden, mörderischen Denkweise, die in den dunkelsten Stunden so unbesiegbar schien, war endlich gebrochen. 

Wir verneigen uns vor den Befreiern Österreichs.

Und wir verneigen uns vor allen Opfern, die vom Nationalsozialismus verfolgt, gequält, ermordet wurden. Wir verneigen uns aber auch vor allen, die den Glauben und die Hoffnung an das Gute nicht verloren haben und ihm so zum Sieg verhalfen. Besondere Freude und Genugtuung erfüllt mich, dass ich heute auch einige Überlebende in unserer Mitte begrüßen darf, nämlich: Shaul Spielmann, Daniel Chanoch und Richard Wadani.

Und es sind auch acht Veteranen – Befreier – aus der ehemaligen Sowjetunion heute unter uns.

Herzlich willkommen!

Was für ein großer Tag!

Wie weit haben wir es gebracht.

Sehen Sie sich um. Genießen Sie diesen Anblick.

Wir sind Bürgerinnen und Bürger einer stolzen, friedlichen, erfolgreichen Republik. In einem stolzen, friedlichen, erfolgreichen Europa.

Aber wir würden die Opfer verraten, wenn wir uns nicht auch daran erinnern würden, wie dieser Wahnsinn überhaupt zustande kommen konnte. Wir wären gefühllos und ignorant, wären wir der Meinung, dass heute alles in bester Ordnung ist.

Nichts ist in Ordnung, wenn Menschen gegeneinander aufgebracht werden, wenn sie zu „wir“ und „den Anderen“ gemacht werden. Wenn geglaubt wird, die einen seien unüberwindbar von den anderen getrennt. Weil „die“ eben grundsätzlich anders seien als „wir“.

Das ist für mich die Wurzel allen Übels: die grundsätzliche Gemeinschaft aller Menschen zu leugnen.

Zu ignorieren, zu verneinen, dass wir einander bedingen und brauchen. Zu leugnen, dass wir alle gemeinsam auf dieser Erde sind.

Wenn die grundsätzliche Gemeinschaft aller Menschen verneint wird, öffnet sich die Tür ins Verderben. Dann ist es plötzlich in Ordnung, Menschen herabzuwürdigen, als dumm, als böse, und als Sündenbock darzustellen.

Wenn wir dem nicht entgegentreten, mit aller Macht entgegentreten, dann ist es nur mehr eine Frage der Zeit, bis den Worten Taten folgen.

Meine Damen und Herren,

wir erleben heute Polarisierung nicht nur in Österreich, sondern an vielen Orten auf unserem Planeten. Auch in Europa wird wieder vermehrt der Kleinstaaterei das Wort geredet. In vielen Köpfen werden wieder Grenzen hochgezogen. Grenzen zwischen „uns“ und den angeblich „anderen“.

Aber nichts wird besser, wenn die Geister von gestern noch einmal beschworen werden.

Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, lassen sich nur mit neuem Denken und vor allem nur gemeinsam lösen. Im Geist der Zusammenarbeit. Aus dem Geist der Zusammenarbeit, der aus dem Willen geboren ist, tödliche Fehler nicht zu wiederholen, ist die europäische Idee entstanden.

Diese große Idee der Gemeinsamkeit, die unsere einzelnen nationalen Fähigkeiten zu einer Kraft bündelt, die auch die großen globalen Mächte ernst nehmen müssen. Diese große Idee  eines Europa, in dem Sicherheit, Wohlstand und sozialer Friede zu Hause sein soll. Diese große Idee, dass wir gemeinsam an einem Europa arbeiten wollen, in dem Menschenrechte, Freiheit und Respekt Geltung haben.

Diese große Idee, dass Respekt für Andersdenkende, für Andersliebende, für Andersaussehende selbstverständlich ist.

Wir wollen uns das nicht schlechtreden lassen. Deshalb sind wir verpflichtet, auch so zu handeln.

Wir wollen an einem friedlichen und freien Europa mitbauen. Wir wollen für den Gedanken eines Vereinten Europa mit Grund- und Freiheitsrechten werben. Wir wollen für den Geist der Gemeinsamkeit, für den Geist der Menschlichkeit eintreten. Wir wollen das Gemeinsame vor das Trennende stellen. Das war immer auch ein Wesenskern des Österreichischen.

An dieser Stelle bin ich, was manche erstaunen mag, optimistisch.

Ich glaube an die Menschheit.

Wir haben letztendlich trotz aller Dunkelheit einen Zug zum Licht. Schließlich gedenken wir heute ja nicht nur der Schrecken unserer Geschichte, sondern wir feiern vor allem, dass das Gute gewonnen hat. Und ich bin fest davon überzeugt, dass das Gute am Ende immer gewinnen wird.

Wieder und wieder und wieder.

Danke schön.

 


KZ-Überlebender (und Redner) Shaul Spielmann mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Frau Doris Schmidauer.

 

Fest der Freude 8. Mai 2019

Fotos: Peter Lechner/HBF